Teil 1 - Der Wahnsinn beginnt

Was bringt einen dazu, 300 Kilometer an einem Tag mit dem Fahrrad zu fahren? Wieso macht man das? Und ich rede nicht von einem Tour-de-France-Fahrer oder einem anderen Profisportler. Wieso gibt man sich das Ganze? Die Anstrengung, den Schweiß, die Schmerzen, das „Leiden“… Wieso?

 

Warum ich dieses Projekt in Angriff nahm, weiß ich mittlerweile selbst nicht mehr ganz genau. Aber wahrscheinlich war es die sportliche Herausforderung und der Wille, etwas Irres zu machen, was sonst kein normaler Mensch ohne Profisportlerambitionen tun würde. An seine Grenzen zu gehen, etwas zu erleben, seinen Körper zu fordern… Eines der letzten Abenteuer zu erleben.

 

Die Idee kam mir ungefähr ein Jahr zuvor. Ich suchte eine sportliche Herausforderung. Warum? Weil ich wahrscheinlich schon immer eine sportliche Herausforderung suchte und immer suchen werde. Seit ich denken kann, war Sport meine Leidenschaft. Sei es in der Schule, beim Abitur, in der Freizeit, im Urlaub und nach der Schule im Berufsleben. Wenn mich in der Schulzeit jemand fragte, was ich denn für Hobbys hätte, sagte ich ohne zu zögern: Sport. Häufig kam etwas stirnrunzelnd zurück: „Das ist doch kein Hobby.“ Doch, ist es.

 

Ich habe in Sport mein Abitur gemacht, wollte beim Militär unbedingt zur Infanterie und entschloss mich kurz vor dem Studium einen Marathon zu laufen. Kurz: Sport war und ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und mein Motto lautet „Mens sana in corpore sano“ (Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper). Und ja, manchmal treibt mich auch eine gesunde Portion Wahnsinn und die Suche nach dem Abenteuer.

 

Als ich mit dem Laufen anfing, suchte ich ein Ziel und sagte mir, ein Halbmarathon über gut 20 Kilometer sollte es tun. Ein Kamerad und Freund von mir sagte dann: „Arne, mach doch keine halben Sachen! Lauf doch den Marathon, wie ich!“

 

In einem Anflug von Wahnsinn meldete ich mich für den Marathon an und merkte erst im Training, dass es Zehn-Kilometer-Runden nicht taten, sondern mindestens die doppelte Strecke sein musste. Hier sei angemerkt, dass ich als Sportler bis dahin niemals die lange Strecke gelaufen bin, sondern eher der Schnellkraftsportler war und mir die langen Strecken verhasst waren.

Bereut habe ich es im Nachhinein aber niemals.

 

So ähnlich war es mit der Höllentour auch. Ich brauchte wieder etwas mehr Bewegung und suchte natürlich auch ein Ziel. Beim Sport sollte man sich immer ein Ziel setzen: Eine Strecke, eine Zeit, oder ein bestimmter Wettkampf.

Ich stellte fest, dass mir das Fahrradfahren Spaß machte und ich gerne mal zum Einkaufen oder aber zum Elternabend der Kinder in das 3-4 Kilometer entfernte Dorf fuhr. Ich merkte auch, dass ich in aller Regel immer recht schnell unterwegs war und meinte, mit einem ordentlichen Schaltverhalten, die Belastung unten zu halten und deswegen nicht allzu sehr außer Atem zu kommen.

 

Ich suchte also nach einer längeren Strecke, um auch mal ein/zwei Stunden Ausdauerleistung zu haben, mein Herz-Kreislauf-System zu fordern und endlich mal wieder etwas gegen Zuviel-auf-der-Hüfte zu tun.

 

Da ich nach der Arbeit und dem täglichen Abendprogramm immer zu träge zum Laufen war, aber Fahrradfahren mir nichts ausmachte, begann ich abends ab und zu auch mal mit dem Fahrrad eine Stunde zu fahren. Allein: ein Ziel musste her.

 

Mir fiel dann ein, dass es wohl möglich ist, einen ganzen Tag zu gehen oder zu wandern. Ja, wahrscheinlich ist man am Ende des Tages erschöpft und hat am nächsten Tag wohl Muskelkater, aber insgesamt sollte das kein Problem sein. Und wenn man einen ganzen Tag wandern kann, dann kann man auch einen ganzen Tag Fahrrad fahren. Hinzu kam, dass ich mir überlegte, dass ich während des Studiums in Hamburg nicht die Zeit genutzt hatte und mal die verrückte Sache gemacht hatte mit dem Fahrrad von zu Hause in Berlin nach Hamburg zu fahren.

 

So ganz unerfahren war ich nicht, denn ich war während der vorlesungsfreien Zeit im Studium mit einem Kumpel von Würzburg nach Berlin mit dem Fahrrad gefahren; in mehreren Etappen und über mehrere Tage.

 

Da keimte in mir die Idee, wieso ich das nun nicht nachholen konnte? Ich überschlug kurz und stellte fest, dass die Strecke Wahlstedt – Berlin etwa 300 Kilometer betrug. Bei einem durchschnittlichen Tempo von 20 km/h kam ich auf 15 Stunden Fahrtzeit. Etwas mehr als ein Wandertag, aber möglich. Dann plante ich einen Puffer von 1-2 Stunden ein für Pausen (zunächst hatte ich tatsächlich noch 30 Minuten für ein gemütliches Mittagessen unterwegs eingerechnet… Toll, wie naiv man manchmal ist…).

 

Auf dem Sommerfest meiner Firma erzählte ich in lockerer Runde von meiner Idee und ein Firmenkollege meinte, dass das doch ein „dickes Brett“ wäre.

 

Ob er mir das zutraute oder nicht, wusste ich nicht. Vielmehr stand nun fest, dass ich nun die Katze aus dem Sack gelassen hatte und ich mich an meinen vollmundigen Gedankenspielen messen lassen musste. Wahrscheinlich hätte es niemand gemerkt, wenn ich den Plan wieder begraben hätte. Aber wenn auch nur einer nochmals nachgefragt hätte und ich dann mit „Nein, habe ich doch nicht gemacht!“ hätte antworten müssen, dann wäre ich vor Scham vor mir selbst wegen großkotziger Sprüche im Boden versunken. Was ich sage und verspreche, muss ich einhalten.

 

Und plötzlich befand ich mich ungewollt mitten in der Planung. Ich wollte schon im September 2016 mit dem Training anfangen. Als Zeitpunkt für die Fahrt hatte ich mir Ende Juni 2017 gesetzt, weil dann die Tage am längsten sind und ich nicht im Dunkeln fahren wollte.

 

Der September verstrich dann und ich hatte noch nicht einen Tag trainiert. Oktober, November, Dezember… Schließlich gab ich mir den Vorsatz, im Januar fängst du aber mit dem Training an. (Wie schnell man seine Pläne anpasst…)

 

Mittlerweile war ich schon ein bisschen in Panik, da ich vom Marathon-Training wusste, dass eine solche Belastung einen langen Anlauf benötigt.

 

Im Januar brachte ich erstmal mein Fahrrad in die Reparatur. Der Hebel für die Gangschaltung war kaputt und die vorderen Radkränze ließen sich nicht mehr schalten. Es stellte sich heraus, dass die Kette zu sehr ausgenuddelt und die Radkränze vorne wie hinten stark abgenutzt waren. Also war tatsächlich mehr zu machen, als ich dachte. Ich dachte kurz darüber nach, ob sich die Reparatur überhaupt lohnte, ich entschied mich aber dafür.

 

Eine kleine Anmerkung zu meinem Fahrrad: Ich fahre ein Mountainbike Jahrgang 2001. Ich hatte mir das Fahrrad damals gekauft, weil ich auch mal ein „ordentliches“ und vor allem sportliches Fahrrad haben wollte. Die Marke kenne ich bis heute nicht, denn es ist ein „Bausatz“. Ich kaufte es in einem „Bike Market“, der Verkäufer war ein jungscher Typ, der von der Thematik Ahnung zu haben schien, und er stellte mir mein Fahrrad zusammen. Ich musste feststellen, dass es tatsächlich ein gutes Rad wurde. Den Hersteller des Rahmens kenne ich bis heute nicht, aber die Räder und die Gangschaltung waren und sind von Alivio, und davon hatte ich schon gehört. Die Reifen sind klassische Mountainbike-Reifen mit dicken Noppen. (Also für lange und schnelle Touren total ungeeignet, da hoher Rollwiderstand). Ich will hier keine Produktwerbung machen und vielleicht gibt es auch was Besseres auf dem Fahrradmarkt. Aber das ist das einzige, was ich an meinem Fahrrad an Produktmarken ablesen kann.

 

Ende Februar schwang ich mich dann tatsächlich das erste Mal in den Sattel. In meinem Freundes- und Verwandtenkreis wusste noch keiner, welchem Irrsinn ich mich hingeben wollte.

 

Meine erste Trainingsstrecke ging von Wahlstedt nach Kiel und zurück. Die einfache Strecke beläuft sich auf etwa 40 Kilometer. Ich kannte die Strecke und wusste, dass zumindest entlang der B 404 ein asphaltierter Radweg über eine lange Strecke verläuft.

 

Die Radlerhose übergezogen (sie war noch von meiner Fahrradtour von Würzburg nach Berlin 13 Jahre zuvor), warme Sachen an (es war noch nicht wirklich Frühling), Mütze und Helm auf und los.

I

m Gegensatz zu meiner Studententour von Würzburg nach Berlin war mir bewusst geworden, dass ein Helm sinnvoll sein konnte.

 

(Auf der besagten Tour waren wir über den Thüringer Wald gefahren. Bei einer Abfahrt gaben wir richtig Gas. Der elektronische Tacho schrie „70 km/h“ und wir überholten sogar ein Auto. Als wir schließlich lachend und voller Adrenalin im Tal angekommen waren, stellte ich fest: „Sch…, ich hab gar keinen Helm auf…“)

 

Für meine Trainingstour nach Kiel nahm ich noch mein Handy als Navi mit, es lebe Google-Maps. Außerdem wollte ich mir mit Musik im Ohr die Langeweile der langen Stunden vertreiben. Hinzu kommt, dass es Musik gibt, zu der ich unglaublich gut Rad fahren kann, weil der Rhythmus sehr gut die Trittfrequenz vorgibt. Das macht es einem sehr einfach. Manchmal wird auch das Adrenalin gepuscht. Ich kannte das von den Samba-Bands am Streckenrand des Berlin-Marathons.

 

Das Ergebnis des ersten Trainings war: Meine Hände taten weh, die Finger waren eingeschlafen, meine Zehen waren ebenfalls eingeschlafen und meine Gangschaltung war vollkommen verstellt. (Ich erinnerte mich dabei an die Worte des Mechanikers, der meine Gangschaltung repariert und mir gesagt hatte, ich solle mit dem Rad nach ein/zwei Wochen zum Nachstellen vorbeikommen).

 

Meine Beine waren nach der Tour komplett leer. Ich torkelte zwar nicht, aber alles, was jemals drin gewesen war, war nun weg.

 

Mit der Versorgung unterwegs war ich zufrieden gewesen. Ich hatte knapp zwei Liter Wasser mitgenommen, die absolut ausreichend gewesen waren. Gefroren hatte ich nicht, aber ich machte die erste Erfahrung mit der Navi-Nutzung beim Fahrradfahren und der Realität: Das passt nicht immer!

 

Obwohl ich das Navi auf Fahrradmodus gestellt hatte, konnte die Maschine natürlich nicht wissen, dass in der Zwischenzeit die A21 ausgebaut wird und der Übergang zur B404 alles andere als gut zu meistern war. Zum Glück war Sonntag gewesen und so fiel es nicht auf, dass ich mein Fahrrad über eine Autobahnbaustelle trug, über noch unbenutzten und natürlich nicht freigegebenen Asphalt fuhr und bestimmt eine beträchtliche Anzahl an Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr beging. Aber irgendwie musste ich doch verdammt nochmal zur B404 gelangen…

 

Auf Facebook hatte ich dann gepostet, dass ich im Training war und für mein Jahresprojekt trainierte. (Warum eigentlich?) Was, wann und wie, hatte ich nicht gesagt, aber die Nachfrage kam natürlich prompt. So verplapperte ich mich im Gespräch mit einer Freundin und erzählte vom Berlin-Plan. Verdammt. Jetzt war es raus. Jetzt musste ich die Tour tatsächlich fahren. Die Scham eines Rückziehers konnte ich mir nicht geben. Dazu war mein Ego zu groß! (Wobei ich eigentlich ein sehr bescheidener Mensch bin). Wenn ich schon so großspurig etwas ankündige, dann musste ich es auch durchziehen!

 

Wahrscheinlich hätte ich es aber so oder so durchgezogen. Mein Ehrgeiz ist da einfach zu groß.

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