Teil 2 - Die Vorbereitung

Ich stellte nach der ersten Einheit überrascht fest, dass ich trotz der ungewohnten Belastung überhaupt keinen Muskelkater hatte. Und dabei hatte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas mehr als 20 km/h, also genau das Tempo, dass ich für meine Tour brauchte. So gesehen war ich im Plan.

 

Ich musste mir aber etwas für die Hände und Füße überlegen. Zunächst schob ich es auf das mangelnde Training.

 

Gut einen Monat später fuhr ich die nächste Einheit. Diesmal nach Neumünster. Das sind hin und zurück etwas mehr als 50 Kilometer, also mehr eine „Kurzstrecke“. Vom Tempo her lief alles im Soll (ca. 21 km/h) aber ich hatte wieder Schmerzen in den Handballen, die Finger und Zehen waren wieder eingeschlafen und das trotz Variation der Sattelhöhe.

 

Eine Lösung musste her.

 

Die Recherche im Internet brachte mich auch nicht weiter. Immerhin wusste ich danach, dass der Abstand der Beckenknochen schuld sein konnte. Profis würden den Abstand messen und dann den Sattel danach individuell anpassen. Das fiel bei mir natürlich aus.

 

Aber ich nahm die nächsten Anpassungen vor: Zunächst einmal wieder das harte Brett rauf: der weiche Tourensattel weg und mein alter, heiß geliebter, schmaler und harter Sattel wieder drauf. Dann besorgte ich mir Gelhandschuhe, um den Druck auf die Ballen abzumildern.

 

Als Anmerkung sei hier daran erinnert, dass ich ein Mountainbike habe, mit einer klassischen Lenkerstange und kleinen Hörnchen an den Enden (die mir natürlich auch nicht halfen, obwohl ich mal dachte, das wäre die Lösung). Von Federgabel keine Spur!

 

Die dritte Tour führte mich nach Lübeck. Mittlerweile war schon Mai und meine Frau, die früher passioniert und fast semiprofessionell Triathlon machte, meinte zu Recht, dass mein Trainingsumfang doch ein bisschen dürftig wäre für die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.

 

Nun ist Lübeck nicht gerade eine ausgewiesene Langstre>Meinen Händen und Fingern ging es etwas besser, meinen Zehen nicht. Das Problem machte mir zu schaffen, zumal auch die Schmerzen mit der Zeit unangenehm wurden.

 

Also besorgte ich mir einen „Gelschlüppi“, wie ihn auch die Profis haben. (Ein herzliches Dankeschön für den Tipp an eine liebe Freundin.)

 

Wobei ich mir sagen ließ, dass manche Rennradprofis gar keine Unterhosen tragen, um wunde Stellen und Reibungen zu vermeiden. Aber das war nicht mein Problem. Ich hatte nicht eine wunde Stelle.

 

Meine nächste Tour war nun schon ein erster Härtetest: knapp 130 Kilometer von Wahlstedt über Lübeck, Plön und Neumünster. Und diesmal wollte es Petrus wissen. Er schickte zwar keinen Regen. Aber von Lübeck nach Plön hatte ich permanent Gegenwind. Zusätzlich kam ich dabei noch durch ein Stück holsteinische Schweiz. Ich brauchte zwei Stunden für das Zwischenstück, immer schön in Richtung Nord-Westen und gegen den Wind. Ich verfluchte zum ersten Mal den Plan. Auch der weitere Verlauf nach Neumünster war ätzend. Die Strecke zog sich fast unendlich hin. Und hin und wieder kam der Hass in mir auf. Stand auf dem einen Schild, dass Neumünster noch neun Kilometer entfernt war, kam zehn Minuten später ein Schild mit dem Hinweis, Neumünster würde in elf Kilometern erreicht.

 

Wenn man dann schon fast hundert Kilometer in den Beinen hat, die Sonne herunterbrennt, die Schokolade alle und auch der letzte Tropfen Wasser aufgebraucht ist (ich hatte nur zwei Liter mitgenommen; zu wenig !!!) dann ist man kurz davor das Sch…fahrrad in den Graben zu werfen und Neumünster die Pest an den Hals zu wünschen. Die Aggression kann sich dann ins Unermessliche steigern.

 

Erwähnte ich schon, dass mein Fahrrad keine Federgabel hat? Nach so langen Strecken und entsprechender Müdigkeit auch in den Armen wird dann jede Bodenwelle zur Tortur.

 

Aus dieser Tour hatte ich ein paar wesentliche Erkenntnisse gezogen:

1. Ich brauchte einen Liegelenker, wie die Triathleten ihn nutzen.

2. Auch der Gelschlüppi würde mich nicht vor eingeschlafenen Zehen retten, auch wenn er dennoch für ein angenehmes Fahrgefühl sorgte.

3. Ich musste mit der logistischen Planung meiner Tour beginnen, insbesondere was die Ernährung und die Wasserversorgung anging. Ich konnte unmöglich 6 bis 7 Liter Wasser mitschleppen.

4. Gott sei Dank, dass meine Tour im Wesentlichen nach Osten führen würde und wir in Deutschland meistens Westwind haben.

 

Mittlerweile stand auch schon das Tourdatum fest: 14. Juli 2017. Warum an diesem Tag? Das Wochenende vom 14. – 16.7. war das einzige Wochenende, dass im Familienkalender noch nicht belegt war und wo ich noch nicht anderweitig eingebunden war. Die Tour musste unbedingt an einem Freitag stattfinden! Wenn alles glatt ging, konnte ich am 15.7. in Berlin die Beine hochlegen und am 16.7. ganz entspannt mit der Bahn zurückfahren. (Am 17.7. musste ich ja wieder arbeiten).

 

Sollte etwas schief gehen, so konnte ich zur Not am 15.7. weiter nach Berlin fahren und dann am 16.7. den Zug zurück nehmen.

 

Die Buchung des Zugtickets war auch abenteuerlich, denn ich musste ja mit dem Fahrrad zurückfahren. Online war es eine Katastrophe und so war ich nur froh, dass ich das dann per Telefon mit einer netten Dame der Hotline schaffte. Die Fahrradreservierung erwies sich später noch als Glücksfall.

 

Ob am 14.7. gutes Wetter sein würde, konnte ich nicht wissen. Ich musste also auch mit Regen rechnen. Zumindest die Dauer des Tageslichtes war planbar. Zwar wurden dann die Tage schon wieder kürzer (immerhin lag der längste Tag des Jahres dann schon gut drei Wochen zurück) aber noch war das ok.

 

Der Liegelenker war schnell beschafft und günstiger als ist dachte. Auch wenn ein Vollprofi wohl die Augen verdreht hätte, aber für mich reichte er allemal.

 

Die Route war inzwischen auch schon ausgetüftelt und für meine Nahrungs- und Getränkeversorgung hatte ich auch eine Lösung gefunden: Ich hatte mir einen guten Vorrat an Powerbars bestellt. Durch die hohe Dauerbelastung würde ich irgendwann unweigerlich einen Hungerast bekommen. Ein dickes Schnitzel oder auch Spaghetti fielen unterwegs aber aus, denn das Blut würde anderswo gebraucht werden und nicht bei der Verdauung. Dennoch musste ich essen, um den Muskeln permanent Energie zu liefern. Die Fettreserven würden da nicht reichen. Das wusste ich auch vom Marathon schon, wo es an der Strecke immer Äpfel und Bananen an den Verpflegungsstationen gibt. Ich brauchte also Energie, die schnell verfügbar und leicht verdaulich ist: Zucker!

 

 

Powerbars sind eigentlich nichts weiter als Snickers: Keks, Karamel, Erdnüsse und Schokolade. Zusätzlich sind noch Magnesium und Salz drin, um dem Körper die Elektrolyte zurückzugeben, die er ausschwitzt.

 

Als nächstes hatte ich mir isotonisches Getränkepulver besorgt. Meine Logistik unterwegs lautete: Lidl, Aldi, Rewe usw. Ich würde an den Supermärkten unterwegs anhalten und mir stilles Wasser kaufen. Mit meinem isotonischen Pulver vermischt, gab das genau das isotonische Getränk, das ich brauchte um die mit dem permanenten Schweiß aus dem Körper geschwemmten Elektrolyte wieder zu ersetzen. Ursprünglich hatte ich an alkoholfreies Bier unterwegs gedacht. Aber die Kohlensäure während der Belastung löst totales Grummeln aus und kann bis zu schmerzhaften Magenkrämpfen führen, die mich arg behindert hätten.

 

Die nächste Tour war schon die Generalprobe: 140 Kilometer (Wahlstedt – Norderstedt - Itzehoe – Bad Bramstedt - Wahlstedt). Schon hier zeigte sich, dass der Liegelenker genau das Richtige war. Nach Norderstedt flutschte es nur so.

 

Man bekommt mit so einem Lenker durch die Liegeposition mehr Druck auf die Pedalen und kann so richtig Tempo machen. Außerdem werden die Handgelenke entlastet und man bekommt eine etwas windschnittigere Körperhaltung.

 

Die Strecke Norderstedt – Itzehoe war wiederum die totale Qual. Ständig durch Ortschaften mit Ampeln und Bordsteinkanten. Parkwege, runter auf die Straße, rauf auf den Bürgersteig, Autos auf dem Fahrradweg…. ÄTZEND.

 

Endlich in Itzehoe angekommen zweifelte ich, ob ich die Tour nach Berlin wirklich schaffen würde. Es war schon Juni und ich fühlte mich so geschafft, wie nie. Und dann würde ich nach der Generalprobe gerade mal die Hälfte der eigentlichen Strecke hinter mich gebracht haben.

 

Aber der Weg über Bad Bramstedt und die B206 zurück nach Wahlstedt baute mich wieder auf. Wenn auch groggy, so kam ich hier deutlich schneller voran. Die Füße schliefen aber dennoch ein.

 

Ich bastelte wieder mit dem Sattel herum. Schließlich reduzierte ich auf Anraten meiner Frau den Abstand Sattel - Lenker. (Man sagt so Pi mal Daumen eine Elle zwischen Sattelspitze und Lenkerstange plus 2-3 Zentimeter).

 

Ich baute einen variablen Lenkervorbau an, wodurch die Lenkerstange etwas höher und deutlich näher am Sattel war.

 

Mittlerweile hatte ich bei Facebook eine Veranstaltung erstellt. (Multimedial, vielleicht interessierte es ja den einen oder anderen, was ich für eine irre Idee hatte). Mein Bruder schrieb passend dazu: „Leider gibt es bei Facebook keinen „Wahnsinn“-Button“. Vermutlich hatte er Recht.

 

Ich lud fast alle meine Kontakte ein. Leider gibt es dabei nur die Optionen „Teilnahme“, „interessiert“ oder „nicht Teilnahme“. Einige meiner Kontakte schienen die Einladung missverstanden zu haben, denn sie kommentierten die Absage mit „Ich bin leider nicht so fit und mein Fahrrad ist auch nicht mehr so…“, „Danke für die Einladung, aber ich habe am 14. schon etwas vor…“, „Du traust mir ja was zu…“.

 

Ich hatte niemals gedacht, dass irgendjemand sich meinem wirren Plan anschließen würde. Aber vielleicht hätte ich die Beschreibung des „Events“ auf Facebook anders gestalten sollen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Aber es gab zum Glück viele, die es verstanden. Danke Euch! J

 

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