Kilometer 101

--- Kilometer 101 - I'm sending you away (M83)

 

Eigentlich wollte ich von Schwerin ein erstes Live-Video senden. Schließlich ist das erste Drittel der Höllentour geschafft. Aber mein Weg führt mich an unsagbar lauten Straßen entlang durch Plattenbausiedlungen mit Fußwegen von vor 1989.

 

Auf der Straße ist mir eindeutig zuviel los, als dass ich mich als Radfahrer dort hinauftrauen würde. Auch wenn ich unerschrocken bin.

Irgendwann hinter Schwerin finde ich endlich ein Stück bei einer Kleingartenkolonie, wo ich auch wieder mein eigenes Wort verstehe. Aber jetzt kommt ein anderes Problem: kein Netz! SUPER!

Stückchen für Stückchen pirsche ich mich mit dem Telefon vor, bis ich endlich eine „erleuchtete“ Stelle finde. Außenstehende denken wahrscheinlich: Wieder so ein bekloppter Technik-Nerd, der immer online sein muss.

Mit Erschrecken muss ich jetzt auch noch feststellen, dass mein Telefonakku gleich die Grätsche macht, weil er ausgelutscht ist. Ich wollte eigentlich die Fitnessapp mitlaufen lassen. Nach einem Drittel der Tour steht sie schon bei weit über 5000 kcal. Vielleicht zuviel für den Akku? Also knipse ich sie aus. Zum Glück habe ich noch meine Powerbank mit, die dem Handy wieder Saft gibt.

 

Das Live-Video schnell gesendet und ich strampel nun weiter in Richtung Parchim. Die Sonne scheint, aber durch den Fahrtwind ist es sehr angenehm. Und um die Mittagszeit bekomme ich einen Hungerast. Riegel können da nicht helfen.

Gemütlich lege ich mich an einem Wald- und Wiesenstück ins hüfthohe Gras und schaue den Wolken beim Ziehen zu.

„I’m sending you away“ (M83) säuselt herrlich aus dem Lautsprecher.

Ich verputze meine zwei Salamistullen, die ich mir vorsorglich mitgenommen habe. Ich jiepere förmlich nach dem Salz.

An und für sich würde nun jeder Spitzensportler sagen: FALSCH. Klar, die Brote und die fette Wurst (Salami ist nun einmal nicht fettlos) werden schwer im Magen liegen. Und tatsächlich habe ich danach ein gewisses Völlegefühl, obwohl es wirklich ein Witz war, was ich zum „Mittagessen“ gegessen habe. Trotzdem taten mir die Brote gut.

Ich rolle jetzt etwas langsamer aber doch stetig weiter.

 

 

--- Kilometer 146

Bald habe ich auch Parchim erreicht. Es ist wieder eine Quälerei durch die Stadt: Abbiegen, Achtung Bahnübergang, Gegenverkehr, Fußgänger, Busse wollen überholen, Kopfsteinpflaster, nach links, nein doch geradeaus….

Ich suche noch einen Supermarkt und erkenne endlich in der Ferne ein Schild von Lidl. Vor dem Lidl steht eine sechsköpfige Truppe junger Männer mit Fahrrädern. An Himmelfahrt wäre jetzt alles klar. Es sind nette Typen, die anscheinend von irgendeiner Fußballtruppe sind und eine 30km Tour machen. Dazu wollen sie erstmal „vorglühen“ und die Gerstenbrause macht die Runde.

 

Ich wiederhole mein Ritual: In den Supermarkt, stilles Wasser gekauft, Vorräte aufgefrischt und mit dem letzten Isostarpulver augefüllt. (Mist, schon der letzte Rest. Ich hätte noch mehr Pulver mitnehmen sollen).

Ich komme mit der Truppe locker ins Gespräch. Sie machen ein paar Witze über das weiße Pulver, dass ich in die Flaschen auffülle. Wir witzeln ein bisschen. Wohin ich denn wolle?

„Nach Berlin? Das ist aber noch ein Stückchen…Und wieso machst du das?“

„Nur so. Just for fun.“

„???“

Ich erzähle, dass ich aus Bad Segeberg komme, jetzt etwa die Hälfte habe und schon einige Stunden auf dem Sattel hocke. Sie schauen mein Fahrrad an.

„Du willst es genau wissen, was? Schön mit Noppen im Profil. Slicks waren wohl zu wenig Rollwiderstand, was?“

Sie lachen. Ich lache auch. Sie haben Recht.

Sie bieten mir noch etwas vom Bier an. Eigentlich keine schlechte Idee wegen der Mineralien. Aber die Kohlensäure und der Alkohol… Ich lehne dankend ab, renne noch ein paar Mal um den Lidl, bis ich endlich den Automaten für den Flaschenpfand gefunden habe, hole mir das Geld von der Kasse und steige wieder auf den Sattel.

 

Wie bei jedem großen Rastpunkt schicke ich eine Nachricht per SMS an meine Eltern, die ja zu Hause in Berlin das Ziel sind. Ich hatte meine Mutter schon vorgewarnt, dass ich bitte keine Anrufe à la „Junge wo bist du denn?“, „Sollen wir dich abholen?“ usw. bekommen möchte. Das lenkt mich nur ab und ich brauche meine Konzentration und Kraft. Meine Mutter hält sich brav an die Absprache. Dafür löchert mich ein anderes Familienmitglied, dass ich, da ich ja jetzt schon in Parchim wäre, bestimmt gegen 17 Uhr in Berlin sein würde. (Gelächter). Ich solle schreiben, wenn ich in Wittstock sei. (Fahre ich gar nicht durch). Irgendwann geht mir die Nachfragerei auf den Nerv und ich bringe den Frager mit deutlichen medialen Gefühlsausbrüchen zur Ruhe. Wozu Emojis doch gut sein können...

Vielleicht etwas direkt, aber bei mir machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar und ich brauche meine volle Konzentration.

 

Mittlerweile sind die Zehen am rechten Fuß so taub, dass selbst durch die Pause kein Gefühl mehr zurückgekehrt ist. Hoffentlich geht da nichts kaputt, denke ich, und konzentriere mich wieder auf die Strecke.

 

Jetzt kommt das schwierigste Stück, wie ich im Nachhinein weiß, aber im Sattel das Problem nicht erkenne. Ich liege gut in der Zeit. Genau nach Plan. Aber ich habe die Netzabdeckung überschätzt…

 

Aus Parchim raus geht es ganz gut und ich fahre durch die ländlich geprägte Gegend von Südmecklenburg. In der Facebook-Veranstaltung, hatte ich schon vorher grob meine Route gepostet. Dabei hatte ich festgestellt, dass nach Parchim eine Gegend kommt, wo ich nicht durch Ortschaften fahre, sondern Wald, Wiesen, Äcker… Ein Kumpel hatte noch gewitzelt, dass es örtlich sogar noch Kannibalismus geben soll.

Die Landschaft ist sehr reizvoll. Die Mittagssonne scheint auf das Land. Es ist unsagbar idyllisch. Keine Autos, keine Trecker, keine Laster… Wald, Wiesen, Äcker. Der Radweg parallel zur Straße ist gut asphaltiert und ich halte sogar an, um die Stimmung zu fotografieren.

Ich komme durch ein kleines Dörfchen und mir wird bewusst, wenn Dir hier was passiert…

Es ist wie in einem Westernfilm. Über der Straße flimmert die Hitze, eine verlassene Mülltonne steht irgendwo am Straßenrand, die Scheiben der Häuser sind mit Rollos halb zu, um die Wärme, aber auch sonst alles draußen zu lassen. Es ist wie ausgestorben: Kein Auto, kein Mensch, keine Katze, kein bellender Hund… Ich warte noch auf das Dornengestrüpp, das vom leichten Wüstenwind angetrieben über den Weg rollt. Irgendwo in meinem Hinterkopf spielt „das Lied vom Tod“. High Noon.

 

Und dann sehe ich plötzlich, dass ich kein Netz habe.

Kein Problem, denke ich. Du kennst die Richtung. Navi brauche ich jetzt nicht.

Ich muss Richtung Heiligengrabe. Das liegt an der A24. So weit kann das nicht sein. Und Wegweiser gibt es ja auch…denke ich.

Noch ein Schluck aus der Pulle und ich fahre weiter. Das Wetter kommt mir zu Pass. Ich liebe es bei Hitze unterwegs zu sein. Da hat man seine Ruhe und kann das friedliche Knistern der Steinchen auf dem Weg hören. Es fehlen nur noch die knarzenden Zickaden. Mein Handy, das ich auch als MP3-Player benutze, liest mir weiter das Hörbuch von Andreas Eschbach vor: „Der letzte seiner Art“. Wie passend.

Einen Wegweiser finde ich zwar nicht, aber ich kenne die grobe Richtung. Weiter und weiter führt mich der Weg. Netz habe ich immer noch keins. Auch kein GPS. Auch kein Mobilfunk. Nichts. Ich könnte jetzt nicht mal anrufen, wenn Not am Mann wäre. Ich kann auch niemanden nach dem Weg fragen, denn es ist kein Mensch da. Niemand. Es gibt also doch noch Wildnis in Deutschland…

Mein Orientierungssinn funktioniert recht gut, allerdings irre ich trotzdem durch die Gegend. Eine nächste kleine Ortschaft. Kein Mensch zu sehen. Kopfsteinpflaster! Auch das noch.

Ich ruckel und zuckel über die seehhr dörfliche Straße und wähle schließlich den Sandfußweg, da die ständige Erschütterung mittlerweile zu einer großen Belastung wird.

Keine Straßennamen, keine Wegweiser, keine Menschen… Den Ortsnamen habe ich noch nie gehört und auch fast sofort wieder vergessen. Es ist einsam hier in der Gegend.

Langsam zuckel ich am etwas heruntergekommenen Häuschen der Freiwilligen Feuerwehr vorbei (ein Feuerwehrauto).

 

Das nächste Dorf, das gleiche Bild… Ich steige ab und überlege. Die Pause tut mir gut. Ich werfe einen nächsten Powerbar ein. In der Ferne sehe ich einen Überlandbus, der irgendwo abbiegt und es herrscht wieder mittägliche Stille. Ich könnte bestimmt irgendwo klingeln aber das männliche Ego ist stärker. Beim Telefon habe ich mittlerweile das GPS und das mobile Netz abgeschaltet. Bringt hier eh nichts und ich brauche vielleicht noch den Akku.

Irgendwann habe ich die Faxen dicke. Ich höre in der Ferne die A24 rauschen und finde dann tatsächlich einen Wegweiser nach Putlitz und weiter nach Pritzwalk. Eigentlich will ich hier noch nicht die Autobahn queren, zu der ich jetzt schon eine Weile parallel fahre, aber bevor ich hier irgendwann gar nicht mehr vorankomme, muss ich mich an die Ortschaften halten, die ich noch im Kopf habe.

 

Ein elendiger Anstieg zur Autobahnbrücke. Ich merke jetzt schon deutlich die Kilometer in den Beinen und fange an vor mich hinzufluchen. Warum muss jetzt so ein sch… Berg kommen? Verfluchte Ka… Eine kleine Bodenwelle schlägt mir ins Fahrrad.. Arrrrrggg.

Ein Rennradfahrer überholt mich scheinbar locker-flockig. F... ich habe das falsche Rad und die falschen Reifen.

 

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