Kilometer 173

--- Kilometer 173 – „Burn it down“

Durch Putlitz bin ich schnell durch und ich radle Richtung Pritzwalk. Diese Strecke ist eigentlich ein Umweg. Eine Menge Kilometer. Aber wahrscheinlich komme ich so schneller voran als wenn ich irgendwo durch Mecklenburg irre. Motivation bringt mir Linkin‘ Park mit „Burn it Down“. Meinen Frust über die verbummelte Zeit drücke ich in die Pedale. Immerhin, ich bin jetzt in Brandenburg. Jetzt geht es voran… denke ich.

Eigentlich war mein Plan, so gegen 21 Uhr in Kremmen zu sein. Das wird knapp, aber ist machbar, denke ich in meinem nicht mehr ganz jugendlichen Leichtsinn.

Ich rolle zügig die Bundesstraße in Richtung Kyritz voran. Mittlerweile habe ich auch wieder Netz.

 

Der schwere Straßenverkehr mit donnernden LKWs ist zwar nicht so toll. Aber es geht voran. Ich muss Zeit gut machen. Mein Navi meldet sich wieder. Es hat ein Signal.

Gut, denke ich, jetzt die schnellste Strecke nach Neuruppin. Heiligengrabe, mein eigentliches Zwischenziel, habe ich gestrichen. Aber Neuruppin, da muss ich hin.

 

Mein Trinkvorrat geht zur Neige. Ich habe in Pritzwalk keinen Supermarkt gefunden bin aber noch entspannt, schließlich müssen die Menschen hier in den Dörfern auch einkaufen. Irgendein Lidl, Aldi oder Netto wird es schon geben…denke ich.

Ich schwanke noch, ob ich den großen Umweg über Kyritz nehmen soll. Schnelle Bundestraße aber viele Kilometer. Meine Beine melden Pausenalarm. Ich entscheide mich für die kürzere Strecke…mein nächster Fehler.

Ich biege von der Bundesstraße nach links ab und bleibe abrupt stehen. Das soll eine Straße sein? Ein Wegweiser existiert nicht aber ein Namensschild weist diese Piste als „Straße“ aus. Naja, denke ich, das wird vielleicht schon.

(Niavität pur)

 

Die „Straße“ ist vielmehr ein Feldweg, der sich schließlich in ein größeres Waldstück windet. Noch könnte ich umkehren, aber ich bin natürlich schlauer. Also weiter in den Wald. Schnelles Vorankommen…Fehlanzeige. Sand, überwucherte Betonplatten und teilweise Kopfsteinpflaster vom Alten Fritzen machen diese „Straße“ zu einem echten Erlebnis. Und tatsächlich komme ich in eine Waldsiedlung. Hier leben wirklich Menschen. Dann fällt mir siedendheiß ein, dass ich jetzt in der Prignitz bin. Au backe. Und ich mitten im Wald… Netz habe ich jetzt natürlich wieder keins und vom GPS wird sich hier wahrscheinlich nur in Legenden erzählt.

Mein Wasser ist fast alle. Sch… Hier gibt ja nicht mal einen Supermarkt.

 

Der Weg wird kleiner und noch einsamer. In märkischen Wäldern kann man sich hervorragend verfahren.

In der Ferne sehe ich ein Waldgrundstück mit Häuschen. Eigentlich sehr ruhig und schön, wenn man nur hier wohnen will. Aber einkaufen und arbeiten…?

Da ich mittlerweile nicht mehr weiß, wo ich denn genau in Deutschland bin, frage ich den alten Mann am Gartenzaun nach dem Weg nach Neuruppin.

„Neuruppin?“ Er schaut mich an als ob er lediglich gehört hat, dass es so eine Stadt geben soll. „Also, da müss‘n se erstma‘ die Straße zurückfaahn.“

Verwirrt schaue ich um mich.

„Na, die Straße da!“ Er zeigt auf den eingleisigen 30cm breiten Sandpfad durch den Wald.

Aha, die Straße. Ok.

Dann muss ich wieder rechts abbiegen und weiter durch den Wald, dann käme noch Königsberg…

‚Ostpreußen?‘, schießt es mir voller Entsetzen durch den Kopf. Scheiße, ich bin zu weit gefahren…

Jaja, das Dorf heiße tatsächlich so, und dann weiter nach Neuruppin, das wäre dann ausgeschildert.

Ich bedanke mich, kämpfe mich durch die Bäume über die „Straße“ bis zum Abzweig und muss sehr lange fahren, bis ich endlich wieder auf einen befestigten Weg, raus aus dem Wald und schließlich wieder auf eine Straße komme.

 

 

--- Kilometer 222

Königsberg durchquere ich tatsächlich, bin aber mittlerweile zu erschöpft, um der Ortschaft ein paar Gedanken zu schenken. Ich habe endlich wieder einen guten Speed drauf und meine Stimmung hellt sich fast auf, als mich ein Fahrzeug irgendeiner Freiwilligen Dorffeuerwehr überholt. Hintendran einen Anhänger (oder auch „Klaufix“ genannt) mit irgendeinem Feuerlöschpumpenhastenichtgesehen drauf. Leider schlecht verzurrt, denn der Spanngurt schleift auf der Straße und sprüht lustig Funken. Die Feuerwehr….

 

Ich denke mir nichts dabei und ballere mit gutem Tempo weiter die Allee entlang. Endlich wieder Tempo. Endlich läuft es wieder nach der blöden Rumirrerei durch Mecklenburg und Prignitz. Bestimmt sind es über 30 km/h und meine Stimmung droht gut zu werden.

 

Bei der nächsten Kurve muss ich allerdings voll in die Ramme gehen. Ich ziehe alles an, was Bremse sein könnte und komme mit Mühe zum Stehen. Dass mein Hinterrad nicht abhebt und mich rechts überholt ist ein Wunder.

Nun ist der schleifende Spanngurt auch dem guten freiwilligen Feuerwehrmann aufgefallen und er hat mitten auf der Allee direkt hinter einer Kurve angehalten. Überholen ist nicht, weil natürlich Gegenverkehr kommt. Genau jetzt. Sonst nie, aber genau jetzt, als Löschmeister Wasserhose den Spanngurt vergurtet.

 

Eigentlich will ich absteigen und dem Brandmeister samt seinem Waldmeister und wahrscheinlich einer Menge Jägermeister im Kopf den scheiß Spanngurt um die Ohren hauen. Aber als ich gerade zum Stehen komme, fahren die beiden Vollprofis wieder los. Ich brülle meinen kompletten Frust heraus. Die kompletten scheiß über 200 Kilometer, die mir schon in den Knochen stecken!!! Ich könnte jetzt sämtliche Alleebäume umhacken und mein Fahrrad in das nächste Brombeergestrüpp schmeißen. WAS FÜR EINE KACKE!!!...

Ich brauche eine gute Weile, bis ich wieder auf Geschwindigkeit komme. Ich könnte kotzen!!!!

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