Kilometer 293

--- Kilometer 293 – „Eine Hymne auf Dich“

 

Und zack, rase ich nach Hennigsdorf rein. Ich bin der König!!! Adrenalin peitscht durch meine Adern und puscht mich bis zum Wahnsinn. Jetzt hält mich nichts mehr auf. Mein Smartphone spielt „Eine Hymne auf Dich“ der Sportfreunde Stiller. Mein Puls rast bestimmt wie bei einem Kolibri, aber das ist jetzt egal. Ich bin fast da.

Die Brücke über die Havel. Noch vor einer halben Stunde hätte ich wegen des Anstiegs laut geflucht und mein Fahrrad in den Bach geworfen, aber jetzt trete ich nur noch mehr in die Pedalen.

Noch ein Kilometer, denke ich. Das Navi ist mir scheißegal. Hier bin ich zu Hause, hier kenn ich mich aus. Die andern sind mir sch…egal. Wo ich bin ist vorn!

 

Dann der Todesstreifen… und ich rolle langsam aus…

 

 

--- Kilometer 296

 

Vor dem Ortseingangsschild bleibe ich kurz stehen und starre es an. „BERLIN, Bezirk Reinickendorf“. Es ist ungewöhnlich still. Ein Blick auf die Uhr…Zehn Minuten nach Mitternacht. Ich habe es tatsächlich geschafft.

Irgendwie hieve ich mein Bein über das Fahrrad und stelle mich auf festen Boden. Fast über 300 Kilometer an einem Tag…

Ich muss ein Live-Video machen. Das geht jetzt nicht anders. Ja, verrückt bin ich schon irgendwie. Aber das Gefühl, wenn man es geschafft hat… unbeschreiblich.

Wenn ich mir im Nachhinein das Live-Video noch einmal anschaue, fällt mir erst auf, wie erschöpft ich wohl gewesen sein musste.

Ein bisschen stolz auf mich selbst, fahre ich ganz geschmeidig die Ruppiner Chaussee entlang. Der Radweg ist super. Noch vor zehn Jahren sah das hier anders aus.

Da vorne ist schon die Shell-Tankstelle. Ab in den Dachsbau, unter der Brücke durch und dann links in den Liebstöckelweg.

 

 

--- Kilometer 297

 

Und als hätte ich es nicht anders erwartet, steht eine Gestalt mitten auf der Straße, starrt in meine Richtung und erwartet mich. Ein bisschen hatte ich meine Mutter erwartet, die sich grundlos Sorgen machte. Aber zur Überraschung ist es mein Vater. Wie lange er dort schon stand, weiß ich nicht. Dieses sich um mich sorgen nervt manchmal ein bisschen. Ich bin schließlich keine dreizehn mehr. Aber wahrscheinlich wird das immer so sein, auch wenn ich irgendwann fünfzig bin.

Wie ich vom Fahrrad gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Das größte Problem ist nicht das Stehen, sondern das Bein so hoch zu heben, dass man es über den Gepäckträger oder die Querstange heben kann.

Alle, ich bin komplett alle. Da ist nichts mehr drin. Mühsam fummel ich noch die Lenkertasche und die Gepäcktasche ab. Das dauert alles viel zu lange. Mein Körper schreit nach Ruhe.

Ins Haus komme ich noch einigermaßen problemlos.

 

Das größte Problem nach so einem Trip ist weniger das Stehen oder Gehen. Da werden vor allem auch die Oberschenkelmuskeln nicht so belastet. Aber wenn man erstmal sitzt oder liegt, kommt man nicht mehr hoch.

Ich gönne mir eine Dusche und mache mich dann über den gewünschten Nachtsnack her: Ein gebratenes, schönes Stück Fleisch. Keine Nudeln oder Salat dazu. Einfach nur Fleisch. Ein saftiges Rindersteak. Und dazu alkoholfreies Weizen.  Was könnte es nun Schöneres geben?

 

Bei einer solchen Belastung versucht der Körper händeringend überall Energie herzuholen. Alles was da ist wird verbrannt. Leider unterscheidet er irgendwann nicht mehr zwischen gut und böse und fängt an, wenn er sonst nichts mehr bekommen kann, Eiweiß zu verbrennen; köpereigenes, also Muskelmasse. Um meinem Körper nun ein Leckerli zu gönnen und ihm Energie zu geben, damit er sich schnell wieder erholen kann, schenke ich ihm also ein schönes Stück Fleisch, Eiweiß pur.

Und mit dem alkoholfreien Weizen bekommt er das beste elektrolythaltige Getränk, was man sich denken kann. Wenn es nicht so viel Kohlensäure hätte, wäre es heute meine Haupternährung gewesen.

 

Es ist kurz nach ein Uhr nachts, als ich endlich ins Bett kippe. Viel gedacht habe ich dann nicht mehr.

 

 

--- Nachbetrachtung

 

Um kurz vor neun wache ich aus dem Delirium auf. So lange habe ich schon seit Jahren nicht mehr geschlafen. Der Körper hat es wohl gebraucht.

 

Aufstehen geht. Ein bisschen wacklig, aber null problemo. Das ganze Wochenende werde ich in Jogginghose und leichten Klamotten umherschlurfen. Karl Lagerfeld sagte einmal, wer mit Jogginghose das Haus verlässt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Stimmt. Das habe ich wohl. Aber heute darf ich das.

 

Ich habe keinerlei Muskelkater. Auch in den kommenden Tagen zwickt es nur ein bisschen im Hintern. Aber meine Beine sind sauber. Wahnsinn, wenn ich bedenke, was die guten Dinger über 300 Kilometer am Stück gerissen haben. Jeder Tour-de-France-Fahrer würde wahrscheinlich müde lächeln, aber die werden dafür auch bezahlt.

 

Am Sonntag fahre ich wieder zurück nach Wahlstedt. Diesmal aber mit dem Zug. Und wie sich herausstellt, war ich gut beraten, einen Fahrradstellplatz zu reservieren.

Der Bummelzug (Interregio) ist knüppeldicke voll und platzt vor allem vor lauter Fahrrädern. Ein Fahrradfahrer muss sogar in Berlin bleiben, weil schlicht kein Platz mehr für den Drahtesel ist. Mir wird wieder bewusst, dass das Fahrrad immer beliebter wird und dass man damit wirklich überall hinkommt.

Zurück in Schleswig-Holstein regnet es wieder. Ein dicker Sommerregen.

Aber als ich am Bahnhof Wahlstedt wieder aussteige ist der Regen vorbei. Zurück zu Hause ist das Wetter wieder ruhig. Petrus hat es auf dieser Tour gut mit mir gemeint.

300 Kilometer an einem Tag mit dem Fahrrad. Die Frage, ob ich denn verrückt sei, kann ich immer noch nicht vollkommen verneinen. Für mich war es wieder eine tolle Erfahrung mehr. Ob man sie gemacht haben muss? Weiß ich nicht. Ich jedenfalls brauchte sie schon irgendwie. Das Gehen bis zur Grenze. Vielleicht auch noch ein Stück weiter. Eine nicht ganz alltägliche Sache. Die letzten Abenteuer.

Würde ich es wieder machen? Wahrscheinlich nicht. Was aber nicht heißt, dass ich nicht andere verrückte Sachen machen werde. Aber diese Strecke kenne ich ja nun schon. Ich weiß, was passiert. Ich weiß, wie quälend diese Strecke ist.

Würde ich etwas anders machen? Logo. Ich würde nie wieder versuchen, in Süd-Mecklenburg oder der Prignitz den kürzesten Weg zu wählen. Lieber auf schnellen Strecken ein paar Kilometer mehr als sich durch die Pampa zu quälen.

Und die Ausrüstung? Mein Liegelenker war das Beste, was ich mir für die Tour gekauft habe. Die Powerbars und die isotonischen Getränke waren auch wichtig. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ich keinen Muskelkater hatte? Vielleicht war es auch mein Fitnesslevel? Aber ohne den Liegelenker hätte ich wahrscheinlich vorher aufgegeben. Der war hier unersetzlich. Außerdem ist eine Unterhaltung unterwegs nicht zu unterschätzen. Ich hatte mein Handy mit Musik und einem Hörbuch vollgeladen, da ich unterwegs kein Radio hatte.

 

Wenn man stundenlang alleine durch die Gegend fährt und der Körper einer großen Belastung ausgesetzt ist, ist es wichtig, seinen Geist beisammen zu halten. Es kommt der Punkt, an dem man Selbstgespräche führt. Man flucht über die Strecke. Man schimpft wie die Prinzessin auf der Erbse über einen Kieselstein auf dem Radweg, den man unter normalen Umständen wahrscheinlich nicht wahrgenommen hätte. Etwas Ablenkung in Form von Musik oder eben ein Hörbuch kann unheimlich entlastend sein. Man denkt nicht zuerst an den Schmerz.

 

Jetzt könnte man sagen, dass das ja dann keine richtige Belastung ist. Nur ohne Ablenkung zählt. Ja, könnte man sagen. Aber die Psyche ist bei einem solchen Trip nicht zu unterschätzen. Und wieso soll man die nicht entlasten?

 

Das Fahrrad? Ich habe ein Mountainbike, das fast 20 Jahre alt ist. Ich habe keine Federgabel und auch sonst keine Federung. Es sind immer noch die gleichen Mäntel auf den Rädern. Ich habe lediglich den Lenker angepasst. Manchmal erwische ich mich heute, Wochen und Monate nach der Tour, wie ich liebevoll meinen Drahtesel tätschel und ich möchte das Fahrrad nicht mehr missen. Die Qualität hat mich überzeugt.

 

Die Firma? Weiß ich immer noch nicht genau. Bei den Bremsen und der Schaltung weiß ich den Hersteller, aber der Rahmen? Es ist ein Fahrrad. Lediglich die Noppenreifen würde ich bei einer nächsten Gewalttour mit Slicks tauschen. Der Rollwiderstand kann schon nerven und hat mich bestimmt einiges an zusätzlicher Kraft gekostet.

Mit einem professionellen Rennrad wäre ich bestimmt schneller gewesen, keine Frage. Aber ich wollte keine mehrere Tausend Euro für ein Fahrrad ausgeben, weil ich einmal mit dem Ding nach Berlin fahren will.

 

Würde ich den Trip weiterempfehlen? Das muss jeder für sich wissen. Die Tour ist hart und bedarf einiger Vorbereitung, vor allem auch das Training. Auch wenn ich jetzt nicht so viel trainiert habe. Wahrscheinlich habe ich einen gewissen Fitnessstand, der eine solche Belastung gut meistern kann. Allerdings gebe ich auch zu, dass ich Spaß an solchen Belastungen habe. Das macht vieles leichter.

 

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